Institut für Festkörperelektronik
Das Institut für Festkörperelektronik (FKE) der Technischen Universität Wien ist eines der weltweit führenden Institute auf dem Gebiet der experimentellen Mikro- und Nanoelektronik und verfügt entsprechend über eine international anerkannte Außenwirkung. Das FKE vertritt in Lehre und Forschung die Bereiche Halbleiterelektronik und Halbleitertechnologie, mit dem Ziel, die Studierenden für künftige Anforderungen im Bereich der Mikro-und Optoelektronik so wie in der Nano- und Quantentechnologie auf international kompetitivem Niveau auszubilden. Der Schwerpunkt der Forschung liegt auf der Entwicklung neuer Materialsysteme so wie deren Umsetzung in neuartigen nanoelektronischen und optoelektronischen Bauelementen von den Grundlagen bis zur Anwendung.
Das FKE feierte im Jahr 2023 sein 30-jähriges Jubiläum und koordiniert das Reinraumlabor, das Zentrum für Mikro- und Nanostrukturen (ZMNS), welches von Univ. Prof. Walter M. Weber geleitet wird. Aktuell wird das FKE von Univ. Prof. Alexander Grüneis geleitet und ist organisatorisch in drei Forschungsbereiche unterteilt:
- 362-01 Optoelektronische Materialien (Univ. Prof. Alexander Grüneis) mit dem Fokus auf der Herstellung und Charakterisierung von 2D-Halbleitermaterialien
- 362-02 Nanoelektronische Bauelemente (Univ. Prof. Walter M. Weber) mit dem Fokus auf Halbleitetechnologie der Gruppe IV und neuartigen nanoelektronischen Bauelementen, und
- 362-03 Optoelektronische Bauelemente (Univ. Prof. Benedikt Schwarz) mit dem Fokus auf optoelektronischen Bauelementen auf Basis von III-V Verbindungshalbleitern.
Im Folgenden werden die drei Forschungsbereiche näher beschrieben.
Optoelektronische Materialien (362-01)
Dieser Forschungsbereich untersucht experimentell die Herstellung und die elektronischen und optischen Eigenschaften neuartiger ein- und zweidimensionaler Materialien. Insbesondere werden atomar präzise 1D Nanostreifen aus Graphen, Lagen aus 2D Halbleitern wie MoS2 und topologische Isolatoren (TI) untersucht. In diesen Materialien führt die räumliche Beschränkung der Wellenfunktion und der Stapelsequenz zu neuartigen Eigenschaften. Die hohe Spin-Bahn Wechselwirkung erzeugt spinpolarisierte Zustände. Unser Ansatz verbindet Synthese und Spektroskopie dieser Materialien. Zur Charakterisierung nutzen wir winkel- und spinaufgelöste Photoemissionsspektroskopie, um die elektronische Bandstruktur zu analysieren und optische Spektroskopie. Ein Beispiel für die am Institut gemessene Bandstruktur eines TI ist im folgenden Bild zu sehen. TIs sind Materialien mit spinpolarisierten Elektronenzuständen an der Oberfläche, die für Anwendungen in der Spintronik interessant sind. Der Forschungsbereich ist auch in der Instrumentenentwicklung aktiv. So wurde ein einzigartiges Experiment fertiggestellt, mit dem man im Ultrahochvakuum Ramanspektroskopie und elektrische Transportmessungen simultan bei tiefen Temperaturen bis 3.7 K durchführen kann. Aktuell wird an der Entwicklung Lichtquelle im ultravioletten Spektrum mit µm Spotgröße für winkelaufgelöste Photoemission geforscht.

Nanoelektrische Bauelemente (362-02)
Während die herkömmliche CMOS Technologie jahrzehntelang durch Miniaturisierung nach dem Mooreschen Gesetz vorangetrieben wurde, erfordern aktuelle Herausforderungen Beyond CMOS und More than Moore Lösungsansätze.
Dieser Forschungsbereich verfolgt, die Grenzen herkömmlicher Bauelemente zu überwinden. Dabei stehen energieeffiziente, rekonfigurierbare Bauelemente und integrierte Schaltungen im Fokus, die bei niedrigen Versorgungsspannungen arbeiten und die Anzahl der benötigten Transistoren reduzieren. Ein zentrales Element ist die Entwicklung neuartiger Bauelemente, die Logik-Rechenleistung mit nichtflüchtiger Speicherfunktionalität kombinieren. Besonders hervorzuheben ist die Spezialisierung auf rekonfigurierbare Transistoren, die am Institut hergestellt und charakterisiert werden. Die inhärente Adaptivität der Bauelementen ermöglicht energieeffiziente neuromorphe Schaltungen in Echtzeit, die mit konventionellen CMOS-Technologien nur mit erheblichem Mehraufwand oder gar nicht realisierbar wären. Technologisch setzen wir auf die eigene Herstellung und Charakterisierung von Bauelementen basierend auf top-down und bottom-up hergestellten nanowires, 2D Materialien und nanosheets. Die einzigartigen ein- bzw. zwei-dimensionalen Eigenschaften dieser Materialien werden in neuartigen Transistoren, Photodetektoren, Sensoren sowie plasmonischen- und Quantenbauelementen verwertet.

Optoelektronische Bauelemente (362-03)
Der Forschungsbereich Optoelektronische Bauelemente beschäftigt sich mit der Entwicklung neuartiger photonischer und optoelektronischer Technologien für zukünftige Sensorsysteme in Umweltmonitoring, industrieller Analytik und medizinischer Diagnostik. Im Mittelpunkt stehen integrierte Lichtquellen und photonische Bauelemente im mittleren Infrarotbereich auf Basis von III-V Verbindungshalbleitern.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Quantenkaskadenlasern, Interband-Kaskadenlasern und integrierten photonischen Plattformen zur spektroskopischen Detektion von Molekülen. Darüber hinaus erforscht der Forschungsbereich neuartige laserphysikalische Konzepte wie integrierte Frequenzkämme, nichtlineare Dynamik und dissipative Solitonen in Halbleiterlasern. Diese Arbeiten verbinden experimentelle Halbleiterphysik mit theoretischer Modellierung und numerischer Simulation komplexer photonischer Systeme.
Die Forschung umfasst die gesamte technologische Prozesskette von Materialwachstum mittels Molekularstrahlepitaxie über Nanostrukturierung und Bauelementdesign bis hin zur optischen und elektronischen Charakterisierung. Ziel ist die Entwicklung kompakter und energieeffizienter Technologien für integrierte photonische Sensorsysteme der nächsten Generation.

Verfügbare Instrumente und Reinraumausstattung
Für die Forschungs- und Lehrinfrastruktur stehen den Studierenden am Institut für Festkörperelektronik nahezu komplette Prozesslinien für die Halbleitertechnologie mit nanostrukturtauglichen Geräten und Anlagen zur Verfügung. Die Anlagen sind sowohl ausser- als auch innerhalb des Reinraums untergebracht. Ausserhalb des Reinraums stehen Molekularstrahlepitaxie für 2D Materialien, winkel- und spinaufgelöste Photoemission und ein Raman/Luminszenzspektrometer, optische Spektroskopie und elektrische Charakterisierung zur Verfügung. Ein grosser Teil der Gräte ist in der Reinraumumgebung des ZMNS untergebracht. Insbesondere sind hier Anlagen für die präzise Abscheidung und Temperung von Schichten und Laminaten zu nennen: Atomic Layer Deposition (ALD), Chemical Vapor Deposition (CVD), Physical Vapor Deposition (PVD), Molecular Beam Epitaxy (MBE), und Rapid Thermal Processing (RTP). Zur Strukturierung stehen des weiteren konventionelle Photolithographie Mask-Aligner so wie maskenlose direct write Electron Beam Lithography (EBL) sowie Laser Lithografiesysteme und Reactive Ion Etching (RIE) zur Verfügung.
Dazu kommen strahlgestützte Prozess- und Analysegeräte wie Focused Ion Beam (FIB) und Focused Electron Beam Induced Deposition (FEBID), welche eine direkte, strukturierte Abscheidung von Nanostrukturen erlauben.
Für die physikalische und optische Charakterisierung können X-Ray Photoelectron Spectroscopy (XPS), Secondary Electron Microscopy (SEM), Atomic Force Microscopy (AFM), Energy Dispersive X-Ray (EDX), X-Ray Diffraction (XRD), Infrarot-Spektroskopie (IR) sowie Photolumineszenz (PL) und Raman-Spektroskopie eingesetzt werden. Dedizierte elektrische Messaufbauten zur Bauelement Charakterisierung für Zuverlässigkeit, Electrostatic Disscharge (ESD), Kapazität-Spannung (aF Capacitance Bridges), gepulste Speichercharakterisierung und Ladungsträgerbeweglichkeit (Hall), stehen auf abgeschirmte und Kryogene Probe-Stations zur Verfügung.
Durch den gezielten Ausbau der vorhandenen Reinraum Prozessinfrastruktur und Charakteriseirmethoden im Hinblick auf Technologien für den einstelligen Nanometerbereich wird die Voraussetzung geschaffen, innovative Prozesskonzepte unter Einbeziehung neuartiger Materialien für die Realisierung nanoelektronischer Bauelemente und Schaltungen der Zukunft umzusetzen.
Lizenzen der einschlägigen Simulationstools wie Labview, Multsim, Matlab, COMSOL Multiphysics, Mathematica sowie Synopsys Sentaurus Device TCAD sind vorhanden und werden in Forschung und Lehre eingesetzt.
Lehre
In der Lehre stellt das Institut im Bachelorstudiengang die wichtigen Pflichtvorlesungen/Übungen Halbleiterphysik (Grüneis/Schwarz) und Elektronische Bauelemente (Weber/Sistani) sowie das Pflichtlabor Technische Elektronik (Smoliner/Lugstein/ Nazzari). In diesen Veranstaltungen werden die Grundlagen der Halbleitermaterialien und Bauelementen den Studierenden gelehrt werden. Darüber hinaus bietet das Institut die Vertiefungsmodule an, in denen über die Grundlagen hinaus neue Trends vermittelt werden.
Im Masterstudium des Elektrotechnik Masters „Mikroelektronik und Photonik“ wird zu Materialien in Mikroelektronik und Photonik gelehrt (Grüneis, Lugstein, Pandeya), zu Prozesstechnik (Schwarz,Wanzenböck) und zu integrierten Bauelementen (Weber, Nazzari). Das Institut bietet auch Lehre für den Master in Materialwissenschaften und für den Master in „Quantum Information Science and Technology“ an.
Mitwirkende

Alexander Grüneis
Univ. Prof.
Werdegang
2001-2004 PhD, Dept. of Physics, Tohoku Universität
2004–2008 Post Doc IFW Dresden
2008–2014 Univ. Ass., Fakultät für Physik, Universität Wien
2014–2022 Professor,II Physikalisches Institut, Universität zu Köln
2022– Univ. Prof., FKE, Technische Universität Wien
Auszeichnungen
2014 START Preis
2015 ERC Consolidator Grant

Walter M. Weber
Univ. Prof.
Werdegang
2002-2004 Researcher Infineon Technologies AG, Corporate Research Munich
2004-2008 Researcher Qimonda AG, Technology Innovations
2004-2008 PhD, Institute of Nanoelectronics, TU München
2008-2019 Senior Scientist Namlab gGmbH
2010-2011 PostDoc POSTECH, Pohang, Südkorea
2013-2019 Research Group Leader cfaed Excellence Cluster, TU Dresden
2019- Univ. Prof. für Nanoelektronik FKE Technische Universität Wien

Benedikt Schwarz
Univ. Prof.
Werdegang
2011–2015 PhD, Technische Universität Wien
2015–2016 Forschungsaufenthalte, Harvard University, Cambridge, USA
2016–2023 Projektleiter, Assistenzprofessor und Assoziierter Professor FKE, TU Wien
2017– Research Associate, Harvard University, Cambridge, USA
2023– Univ. Prof. für Optoelektronische Bauelemente, FKE Technische Universität Wien
Auszeichnungen
2019 ERC Starting Grant MonoComb
2018 FACSS Innovation Award
2016 Photonics21 Student Innovation Award
Outreach
Das Institut beteiligt sich regelmäßig an Veranstaltungen der Wissenschaftskommunikation wie der Langen Nacht der Forschung sowie an Schulbesuchen, Laborführungen und Programmen für Studieninteressierte. Dabei erhalten Besucher:innen Einblicke in aktuelle Entwicklungen der Halbleitertechnologie, Nanoelektronik, Photonik und Quantentechnologien sowie in moderne Reinraum- und Charakterisierungstechniken. Durch Demonstrationen und experimentelle Aufbauten werden Forschungsthemen des Instituts anschaulich vermittelt und die technologische Bedeutung moderner Mikro- und Nanotechnologien aufgezeigt.