Liebe Kolleginnen und Kollegen, Absolventinnen und Absolventen, Freunde, Freundinnen und Wegbegleiter der Fakultät,

50 Jahre Elektrotechnik und Informationstechnik — oder, wie Außenstehende wie ich es beschreiben würden, 50 Jahre irgendwas mit Strom.
50 Jahre ETIT — das bedeutet ein halbes Jahrhundert Innovation, Forschung und technischer Fortschritt, und das ist ein besonderer Anlass zum Feiern.
Warum ich heute hier stehe? Das verdanken Sie Ihrem Dekan, der mich Ende November letzten Jahres darauf hinwies, dass eine meiner acht TU-Lieblingsfakultäten 50 Jahre alt werden würde, und mich in diesem Zusammenhang fragte, ob ich Sie nicht mit einem Redebeitrag beglücken würde. Meine Antwort war positiv, sonst stünde ich ja jetzt nicht hier, aber auch mit einem Augenzwinkern dahingehend, dass ich einen nicht ganz ernst gemeinten Beitrag leisten wolle. Soweit zur Vorrede und zur Einordnung.

Was zeichnet also diese Fakultät aus?
Eine nahezu generalstabsmäßige Organisation, die ab und an ins Wanken, aber nie ins Schleudern gerät. Zukünftige Dekan_innen gehen oder gingen (Sie merken, ich bin nicht mehr ganz upTUdate) zumindest durch die harte Schule des Kuriensprechers, bewähren sich gegebenenfalls im Fakultätsrat, um dann die Weihe der Kurie und des Fakultätsrates als Dekan_in entgegenzunehmen. Dabei ist dieser Job nur mäßig beliebt, weshalb es doch einiges an Überzeugungskraft und ein nicht zu vernachlässigendes Maß an Druck brauchte, um nicht alle zwei Jahre einen neuen Dekan anlernen zu müssen.
50 Jahre ETIT, das bedeutet: Generationen von Ingenieurinnen und Ingenieuren, die Hochspannungsnetze geplant, Mikrochips entwickelt, Satelliten gebaut und WLAN-Router repariert haben — einfach durch einmaliges Aus- und wieder Einschalten.
Die ETIT war und ist immer am Puls der Zeit. Schauen wir uns die fünf Jahrzehnte an:
In den 1970ern sprach man noch überwiegend über Analogtechnik.
In den 1980ern über Digitalisierung.
In den 1990ern über das Internet.
In den 2000ern über Mobilfunk.
Seit den 2010ern über KI, und das alles mit ausgesprochenem Selbstbewusstsein, gepaart mit einem hohen Anspruch an sich selbst, aber auch an andere.
Halbe Sachen sind ihr Ding nicht, und das ist gut so. Fakultätsbesuche sind für eine Rektorin immer eine Herausforderung. In der ETIT-Fakultät waren sie jedoch jedes Jahr wieder besonders.
Vielleicht kann man das mit „hart in der Sache und trotzdem weich im Kern beschreiben“ – es gibt schon einen Grund, warum sie zu meinen Lieblingsfakultäten zählt.

Das kann auch deshalb nicht anders sein, weil allein ihre Sprache Ausdruck ihrer Problemlösungskompetenz ist. Bei Ihnen treten keine „kleinen Probleme“ auf, sondern „leicht instabiles Systemverhalten“. Bei Ihnen geht offensichtlich auch nichts kaputt, gibt es doch höchstens „Abweichungen vom erwarteten Sollzustand“.
Grenzenloser Optimismus und Beharrlichkeit sind ebenfalls Eigenschaften der Angehörigen dieser Fakultät. Ohne Optimismus, gepaart mit einer gehörigen Portion Beharrlichkeit, wäre das gemeinsame, letztlich erfolgreiche Ringen um den Reinraum in der Gusshausstraße, das sich ja über mehr als ein Jahrzehnt hinzog, undenkbar gewesen.

50 Jahre Fakultät bedeuten aber vor allem eines: Menschen. Menschen mit Ideen, mit Neugier und mit Ausdauer, die immer wieder technische Grenzen verschieben.
Daher gilt heute mein Dank allen, die diese Fakultät geprägt haben: den Lehrenden, Forschenden, Mitarbeitenden, Studierenden und Absolventinnen und Absolventen.

Liebe ETIT, mit 50 Jahren bist du offiziell im besten Ingenieursalter: alt genug für Erfahrung, jung genug für neue Ideen – und robust genug, um auch den nächsten System-Update-Zyklus zu überleben.
In diesem Sinne:
Auf die nächsten 50 Jahre Forschung, Innovation und kreative Fehlersuche!
Alles Gute zum Geburtstag!

Sabine Seidler
Rektorin der TU Wien 2011-2023
O.Univ.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Dr.-Ing. h.c.mult.

Foto von Sabine Seidler